Ohhh, London!
So long - no see.
Es war einmal vor langer Zeit, da reiste ich 2-3 mal pro Jahr nach London und ganz sicher zu meinem Geburtstag Anfang Dezember.
Dann kam Corona.
Und so, wie andere mit dem Lockdown mit Brotbacken, Gärtnern und der Suche nach dem Sinn des Lebens verbrachten... und dieses Ritual manchmal in den Alltag, nach Corona, gerettet haben... so vergass ich völlig den Reiz der britischen Hauptstadt und auch die einst so grosse Liebe zu ihr.
Einfach so.
Nun möchte ich das aufleben lassen.
Doch es hat sich mehr geändert als bedacht. Seit April brauche ich ein Visum für England, das kostet, auch wenn es schnell und zuverlässig erledigt wird.
Jetzt bin ich mal gespannt, was sich noch alles geändert hat und ob ich meine Liebe, der Stadt und den Briten, entziehe.
Aber nun mal erstmal langsam - ist ja nicht alles nur schwarz und weiss.
Der hellste Punkt in der Mitte
ist das Winter Wonderland
im Hyde Park.
Samstag, 20. Dezember, 15:00
East End Girl
Mein Hauptquartier ist im Eastend, an der DLR und Jubilee Line, in der Nähe der Docks und recht nah beim Flughafen London City.
Ein tolles Loft in einem Gebäude aus den 1930ern mit Art Deko und viel Marmor.
Leider geht mein Hinflug nach London Heathrow, also ca. 90min vom Quartier entfernt. Der Abflug dann am Dienstag von London City. Darauf freue ich mich.
Ich habe gerade meinen Stempel am Gate bekommen, UK hat mich "approved" und ich bin ziemlich zuversichtlich einen Platz im Flieger zu bekommen - muss jetzt mal bei den Damen und Herren vorstellig werden.
Sonntag, 21. Dezember, 09:00
Good Morning London
Die Nacht war anstrendgend. Durch die einfach-verglaste Fensterfront drang das laute Surren der Belüftungsanlage des Nachbarn, ein Restaurant mit der Küche in den Innenhof, also direkt neben meinem Loft. Strassen- und Partylärm und ein undefinierbares Grollen über der Stadt machten es unruhig und neu. Ich hatte ein wenig das Campinggefühl, nur eine dünne Schicht, die mich von der Aussenwelt trennt.
Die Polizeisirene hörte ich nur einmal.
Da hatte ich mehr erwartet, wenn man bedenkt, wo ich bin:
im Eastend.
Meine Wohnungstür hat drei Schlösser mit drei verschiedenen Schlüsseln. Eine Fakt der mich erst irritiert hat, mir aber nun vermittelt, dass wohl ein Schloss nicht reicht!?
Gestern beim Shoppen im Roman Food & Vine Store und auf der Strasse war ich die einzige Weisse, und begegnete einer anderen Welt. So Fern ab von Harrods und Buckingham Palace sah ich ein armes, schmutziges, unaufgeräumtes und doch so faszinierendes London.
Nun sitze ich in meinem sehr gemütlichen Bett, trinke den ersten Kaffee und erlebe, wie die Morgensonne zu Regen wechselt. Und trotzdem zaubert der Ausblick ein Lächeln auf mein Gesicht, beim Beobachten eines riesigen, fetten Eichhörnchens, das nun den Abfall im Hinterhof erkundet.
Für mich ist es Müll und eine Augenschande - für dieses Eichhörnchen der reich gedeckte Tisch und eine sonntägliche Freude. Alles hat zwei Seiten... wobei die Mausefalle im Untergeschoss mir doch zu denken gibt... ok, einfach ausblenden, ich bin im ersten Stock, oder können Mäuse Treppen steigen?
Meine Nachbarschaft
Moschee, Halal Butcher, Angels Bakery, Türkisch und Tandoori, Nagelstudios, grilled Chicken in jeglicher Form, Super Stores aus allen Herren Länder, Autowerkstatt, Pubs, Social Housing (Sozialwohnungen) und Shops, bei denen ich nicht genau weiss, was sie anbieten.
Das ist nicht Multi-Kulti sondern eine transkulturelle Entwicklung mit eigenem Stil.
Und vermutlich auch eigenen Gesetzen, die ich nicht verstehe.
Ich lächle und gehe mit festem Schritt, als ob ich weiss wohin.
Sicher?
Drei Schlösser - drei Schlüssel - drei Nüsse für Aschenbrödel?
Ich glaube nein.
Zusätzlich sichere ich noch den Eingangsbereich nach der Wohnungstür zum eigentlichen Loft, das früher als Cafeteria diente.
Metallverglasung und eine Self-Made-Konstruktion, die die Türgriffe sichert.
Paranoid? Nein. Ich lerne aus den Gegebenheiten.
Unter dem Zeichen von ABBA
Die Vorbereitung für den Musicalabend läuft. Heute ist ABBA-Tag.
Im Vorfeld hatte ich ein Ticket für die Show gebucht und freue mich nun sehr auf den Abend.
13:00 Preparations
Ich nehme ein Bad um für Anafried, Björn, Agneta und Benny gut zu duften ... und befürchte jedoch, in der Glut von Camden Market in den Hallen am Camden Lock Place, jeglichen Duft eingebüsst zu haben.
15:00 Camden Market
Es finden sich auch hier wieder ähnliche Stände, wie an den Weihnachtsmärkten in Zürich. Dazu zum Glück auch ganz interessante und überraschende Dinge.
Ein bisschen Flohmarkt und Antiquitäten.
Jaaa, Kathrin. Ich habe eine Kamera gefunden und konnte noch eine Film dazu erschmeicheln. Jetzt kann ich Morgen mit meiner neuen Mittelformatkamera wieder schwarz-weiss Fotos schiessen. Das Leben ist schön.
18:00 ABBA
ABBA. Die Show startet pünktlich um 6. Schon vor Ende des ersten Songs, "Fernando" stopfe ich mir Streifen eines Tempotaschentuch in die Gehörgänge. Die Lautstärke ist unglaublich, ich fühle es körperlich und mein ganzer Körper wippt im Sitz auf und ab. Ich erlaube mir bereits nach 2 min, die Show in der Pause zu verlassen, so rein theoretisch.
Tempos in den Ohren funktionieren und schon bei "Chiquita "trällere ich aus Leibeskräften mit. Nicht schön, aber laut und falsch.
Ich bin begeistert. Sing- und Tanzfreude wechseln sich mit tiefer, Erinnerungsbetroffenheit ab. Die ersten Tränen kullern und ich wähne mich wieder 10 Jahre alt zu sein und meine erste Schallplatt erstanden zu haben - ABBA!
Um mich herum Damen und Herren meiner Altersklasse, meine Kohorte, mit dem gleichen Gefühl, nur wir sind echte Fans, da wir zu aktiven ABBA Zeiten bereits mit gesummt haben.
In der Steharena finden sich die jungen ABBA Fans. ABBA funktioniert noch immer. Sie sind mit Glitzer ausgestattet, lebendig und textsicher.
Übrigens: kennt ihr den Moment, wo ihr den Text der Lieder zum ersten Mal korrekt singt, da ihr ihn früher garnicht verstanden habt, aber aus voller Brust gesungen...?
Ich muss schmunzeln, als aus: "Yes, I broke my heart yeah, Bruce say we departed" plötzlich korrekter weise "Yes, I've been brokenhearted. Blue since the day we parted" wird. Ist das die Weisheit des Alters? Hihi.
Nun ja, diese Weisheit hält nicht lange. Beim Verlassen der Arena komme ich nicht umhin mir ein Erinnerungsstück mit niedrigem Wert und hohem Preis zu kaufen. Eine Anstecknadel: Dancing Queen! (8£)
Diese Show ist schon etwas besonderes. Dort auf der Bühne performen wirklich Anafried, Angneta, Björn und Benny, wie sie in den 70'ern aussahen.
Selbst auf Grossleinwand sind die 3-D Animationen, die Avatare, nicht mehr vom original oder einem lebendigen Wesen zu unterscheiden. Perfekte Stimmkoordination und Mundbewegung. Tolle Bewegungunge, berührende Augenblicke. Selbst Details wie die hautenge Lurexhose von Anafried wirft Falten, wenn sie gewisse Bewegungen macht. Ich bin echt überwältigt. Es war teuer (122£), aber die Computeranimation, die Lichtshow aus Laser, reflektierenden Scheiben und LED`s ist soooo beeindruckend.
Das ganze folgt einer Geschichte, auch wenn ich sie nicht ganz verstehe. Zwischen den Songs läuft diese ab und ist ein Mischung aus Manga und SciFi mit einer nordischen Heldensaga. Das muss man sehen, um es zu verstehen.
Es ist euch wohl klar, ich bin in der Pause nicht geflüchtet. Ok, es gab auch keine Pause... wäre trotzdem geblieben, da es mich sehr in den Bann gezogen hat. Eine wirklich würdige Homage an ABBA.
20.00
Der Rückweg verläuft, wie bei diesem Wochenendtrip meist, sehr smooth. Die Anschlüsse sind flüssig, es gibt Platz in Tube und Bus.
Gegen 20:45 komme ich meiner Unterkunft sehr nahe und mache einen kurzen Boxenstopp in einem indischen Restaurant, direkt neben der Barking Road 310, meinem Quartier.
Ich bin die einzige Kundin - schon speziell. Aber das Chicken Tandoori ist sehr fein und nach 20 min ist alles gegessen. Im wahrsten Sinne.
23.00
Gute Nacht Dancing Queen, Fernando, The Winner, Mamma Mia, super Tropper...
Montag, 22. Dezember
Monday, Monday...
Nach einer traumlosen Nacht erwache ich bereits gegen 07.00 Uhr.
Die Stadt bereitet sich auf die letzten Tage vor dem Weihnachtsfest vor. Verschlafene Londoner puschen sich mit dem ersten Tee, Krähen erzählen sich Neuigkeiten und die Sirenen heulen durch die Dämmerung.
Mein erster Tee heisst Nespresso und ist so stark, dass mir die Fussnägel einrollen. Ja, Grit, auch ich habe meine Grenzen bei der Espresso-Stärke.
Der Plan für heute sieht das British Museum, den Weihnachtsbaum am Trafalgar Square, die Oxford Street und das Winter Wonderland im Hyde Park vor.
Abends dann zu Jamie Oliver in der Cathrine Street an der Themse.
Worauf ich mich jetzt besonders freue ist, mit meiner neuen (alten) Kamera Fotos zu machen. Gerade habe ich den Film eingelegt. War etwas tricky... bis ich im Internet eine Betriebsanleitung genau für dieses Modell gefunden habe.
Man bedenke: die Kamera ist von 1947!
Aber immer gibt es einen Freak , der sich gestattet seine Erkenntnisse mit der Welt zu teilen - so wie ich mit diesem Blog. ;-)
London is calling
So früh aufgestanden und doch spät aus dem Haus. Mein Handy war nicht geladen, da musste ich lange warten. Das Internet funktioniert gut, aber mein Ladegerät hat nur ein paar Umdrehungen, ist fürs Laden über Nacht gemacht - wenn Frau daran denkt.
Also WLan ist gut, das Abwasser ist eine andere Geschichte. Ist mir dann wieder eingefallen, kenne ich ja schon von England. Alte Bleirohre, 70 Jahre, ihr wisst schon was herunter gespült…
So what, darum geht es ja nun nicht.
12:00
Also spät los, das Programm ist so nicht zu schaffen.
Jetzt habe ich auch noch ausgerechnet die Beauty+ Karte gezogen.
Ich mache seit ein paar Wochen ein "Spinning Wheel "mit täglichen, wöchentlichen, monatlichen Aufgaben. Bestückt mit allem was mich glücklich macht und zur Me-Time beiträgt.
Der Wochenend -Trip war die Monatsaufgabe für Dezember.
Und heute etwas Grösseres für die Schönheitspflege, also Gesichtsmaske oder so. Nun bin ich dafür nicht ausgestattet und habe mir deshalb eine Maniküre mit Gellack gegönnt. Nach gründlicher Recherche bin ich in der 32 Store Street gelandet bei Iris Avenue. Das ist gleich um die Ecke vom British Museum… die Zeit für Römer, flache Moorleichen und dem Rosetta Stone haben trotzdem nicht gereicht.
Es war ein toller Spaziergang und ein Genuss London einzuatmen und über die Augen verzückt zu werden.
14:00
Mit strahlend schönen Nägeln bin ich dann die Oxford Street runter.
Es ist ein wahnsinniges Geschiebe von Kaufwütigen und "nur mal schauen"-Wollenden, wie mich. Ich erkenne die Geschäfte wieder. Einige neue sind dabei, aber nichts wirklich aufregendes. New York, Rio, Tokio, London, Zürich, Berlin...
Ich habe zwar heute nicht den Sport oder Extra-Runde-Joker gezogen, doch ich komme locker auf 20`000 Schritte.
15:30
Am Marble Arch wechsele ich in den Hyde Park zum Winter Wonderland.
In den Jahren vor Corona war dort immer ein ganz kleiner Weihnachtsmarkt mit Glühwein, Wurst- und Wurfbude, Eintritt frei.
Jetzt ist das eine riesige Veranstaltung mit unzähligen Karussels, Essensständen, Menschenmassen und 8£ Eintritt - für eine Stunde!!!
Mein Zuckerspiegel wird vom Waffel-Lollie mit Minimarschmellows in die Höhe katapultiert, der Rest des Körpers folgt im Riesenrad. Es war schön.
Aber ich vermisse die einfachere Variante.
17:00
Langsam mache ich mich auf den Weg zu Jamie Oliver in der Cathrine Street 6.
Mit der Cetnral Line bis Holborn und dann zu Fuss weiter. Mein Navi führt mich mal wieder irre, aber die Richtung stimmt.
Das ist übrigens nicht immer der Fall. Ganz überzeugt schlage ich einen Weg ein… in 99% liege ich falsch.
Vielleicht sollte ich immer konträr laufen!? So brauche ich mehr als 10 min, aber ich habe viel zeit. Aufgrund der falschen Einschätzung Aderentfernungen in den letzen zwei Tagen, habe ich mich sehr frühzeitig auf den Weg gemacht.
London ist soooooooo gross und die Strecke von A nach B für ich ein grosses Rätsel.
@Vera R.: London ist echt gross, Zürich ist ein Mini-Dorf dagegen ;-)
Also, wie ich da so gehe… haut es mich mal wieder von den Füssen. Upps.
Keine Blessuren, alles ok und ich kann problemlos weiter marschieren.
Ein Pärchen mit Kinderwagen eilt zur Hilfe, aber mir geht es gut... der kleine Mann im Kinderwagen denkt sich seinen Teil...
Ich schmunzle und denke so… gut, auch das ist erledigt.
Es wirft mich ja immer wieder zu Boden: Wales, Südengland, Schottland, Rom, Finnland...
Mal sehen, ob das Essen bei Jamie auch zum Niederknien ist.
17:45
Jamie kocht... heute nicht.
Das Restaurant ist hübsch, die Musik ist super und das Personal flott.
Ich habe gerade entdeckt, das ich einen blauen Fleck vom Sturz am Daumen habe. Aber egal. Der Rotwein beschwichtigt meinem Daumen und die Entenbrust. Oder war es der Cocktail?
Wie war das kulinarische Erlebnis???
Ok. Nur ok?
Ja, es war nicht zum Niederknien, Dahinschmelzen oder Schnurren.
Der Cocktail "Irish Cream" hatte zu viel Muskatnuss für meinen Geschmack. Man sieht auf dem Foto die braunen Flocken, und davon gab es viele. Der Geschmack war gut, aber zu intensiv.
Das Brot? Kann ich echt viel besser! Die Kruste war hart und bitter, 10min weniger Feuer hätten gereicht... die Krume war gut.
Die Entenbrust schmeckte. Von einem Spitzenkoch oder besser: von dem Chefkoch des Spitzenkochs erwarte ich jedoch ein ausgewogeneres Ergebnis. Eine Seite der Brust war rosig, die andere, dünnere, war mehr als "durch" und das Beinchen war noch blutig am Knochen. Das Rübli-Püree war spitze, das ganze schwamm jedoch einer, wenn auch extrem leckeren, Sauce. Auf dem Bild sieht es doch wirklich eher wie eine Suppe aus, oder? Macht man das jetzt so?
Beim Schoggimus beanstande ich die Konsistenz. Fluffig und leicht geht anders. Zusammen mit dem recht harten, süssem, klebrigen Honey-Cumb, war das ganze eine Bombe. Geschmacklich hervorragend, aber eine ganze Mahlzeit.
Costa quanta? Ein Glas Rotwein und Trinkgeld eingerechnet, genau 100£.
(Gestern beim Inder habe ich 11£, jedoch ohne Dessert und Wein, bezahlt)
20:15
Beim Rückweg folge ich meiner Intuition und bin schneller.
Ein Theater nach dem anderen reiht sich hier dem Kingsway entlang, wir sind in Covent Garden. Ich passiere Hintereingänge von Theatern, hellbeleuchteten Haupteingängen, noblen Restaurants und chicken Geschäften.
In den verlassenen Hauseingängen haben sich Obdachlose eingerichtet.
Auf Karton ausgebreitet, in Schlafsäcken unter Rettungsfolien oder dreckigen Decken liegen Dutzende Männer bereits in tiefem Schlaf.
Ich schäme mich ein wenig, weil ich gerade sooo viel Geld für ein Menu ausgegeben habe... das Schicksal ist manchmal unfair.
21.00
Bin angekommen. Mit dem konträren Laufweg wäre jetzt auch nicht hilfreich, denn mittlerweile kenne ich die Richtung und den Weg.
Souverän rangiere ich durch die U-Bahnschächte, finde das richtige Gleis und steige am korrekten Ort aus oder um.
Diese Nacht nehme ich Abschied von dem bequemen Bett, den Geräuschen von London und einer spannenden, aufregenden, anregenden und sinnlichen Zeit. Danke an das wirklich spezielle Loft im East End.
Wer hier auch seine Zelte (im Zelt) aufschlagen möchte, findet die Infos über den Button. Viel Spass und "have a nice day"
Bye, bye London.
In den frühen Morgenstunden gibt es einigen Radau im Hinterhof. Ein Tier, ich hoffe zumindest, dass es eines ist, keckert lauthals, die Krähen schimpfen um die Wette und Metall und Holz treffen aufeinander. Das ist so die lange Variante.
Kurz: es war unruhig.